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Es möge beileibe niemand mit der
Vorstellung leben, daß wir Hunde ein einfaches Leben führen. (...) Aber in den letzten zwei Jahren wurde die gesellschaftliche Notwendigkeit, unsere Besitzerinnen wieder mal auf
internationale Frauerlschauen vorzuführen, derartig akut, daß sich niemand von uns weiter entziehen könnte. Ich selbst – ein gewöhnlicher Langhaardackel, der nichts lieber als ein
zurückgezogenes, beschauliches Leben führen möchte- hatte ein langes Gespräch mit meinem Freund Teddy, in dessen Verlauf wir uns vor einem bildschönen Laternenpfahl auf dem
Schwarzenbergplatz, schließlich darauf einigten, die diesjährige internationale Schau zu besuchen, weil uns klar wurde, daß unsere Frauerln wieder unter die Leute kommen mußten.
Glauben Sie, bitte, ja nicht, daß
es unsereinem Vergnügen bereitet, so einem erwachsenen Menschen der Leine durch den Ring zu ziehen und begutachten zu lassen. Man kann auch
noch so ruhig und freundlich mit ihm gesprochen haben – die Anwesenheit anderer Frauen macht ihn nervös, er wird unsicher, tänzelt hin und her, lächelt vielleicht im falschen
Moment, und man kann von Glück reden, wenn er nicht stolpert oder einem durch eine taktlose Bemerkung Schande macht. Oh, unsereins hat alle Pfoten voll zu tun auf diesen internationalen
Frauerlnschauen (...) Ich (...) zog mein Frauerl mit wiegenden Hüften in den Ring; ganz langsam und indem ich versuchte, durch meine Erscheinung die Aufmerksamkeit der Anwesenden auf sie zu lenken. Das gelang mir
auch. Ich blieb stehen, leiß die Leine locker, damit sie sich frei umdrehen konnte. (...) Wozu nimmt unsereins die ganze Quälerei auf sich
– wenn nicht wenigsten das Frauerl einen Preis einstecken `kann?
Nach meiner Runde gingen wir zu den
Bänken zurück, und ich setzte meinen Liebling so, daß er die anderen Hunde sehen konnte, die ihre Frauerln herumführten. Die meisten spielten fair. Ein paar natürlich benahmen sich
unmöglich und versuchten, mit billigsten Effekten wie Winseln, Pfötchenheben und Herumhopsen die Aufmerksamkeit der Zuschauer auf sich zu ziehen (...).
(...) Es mußte, wie Präsident
Josef sagte, jedem intelligenten Dackel klar sein, was mit diesen und ähnlichen Manövern bezweckt werden sollte. Schließlich ist unsereins ja nicht auf den Kopf gefallen. Nachdem es
den Erwachsenen bereits in vielen Fällen gelungen ist, den Eindruck zu erwecken, als wären beispielsweise Vergnügungsetablissements wie der Prater nicht für sie selbst sondern für
die lieben Kleinen eingerichtet worden, schien es hier darum zu gehen, der Umwelt Andie Illusion zu geben, es handele sich nicht um eine Frauerlschau, sondern –vanity of vanities- um eine Hundeausstellung!
Eine solche Annahme erledigt sich
ihrer grotesken Fröhlichkeit von selbst. Wir, die ausgestellten Hunde verwahren uns nur der Form halber gegen sie. Wir wissen genau, daß sie sich niemand zu eigen machen wird, der auch
nur fünf Minuten lang den erwähnten Vorführungen beigewohnt hat. Wir sind unseren Frauerln nicht böse. Wir verzeihen ihnen diese kleine Eitelkeit, mit der sie sich noch weiter ins
Zentrum schoben, indem sie so taten, als träten sie an die Peripherie des allgemeinen Interesses zurück. Wir alle haben unsere Schwächen. Schließlich ist so ein Mensch auch nur ein
armer Hund...
(Johannes Mario Simmel)
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